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Neue Musik zu alten Filmen

Artikel aus dem "Oberösterreichischen Kulturbericht"

Die Musikerin Karen Schlimp erweckt im Linzer „Cinematograph“ die Tradition der Stummfilmbegleitung zu neuem Leben. Eine alte Tradition auf zu greifen, heißt für sie aber noch lange nicht, so zu spielen wie damals.

Artikel aus dem „Oberösterreichischen Kulturbericht“ von Claus Faber

Mit der Erfindung des Tonfilms versank ein ganzes Kapitel Filmgeschichte in der Versenkung: Jene 25-30 Jahre, in denen die Bilder zwar laufen lernten, aber nicht sprechen konnten. Übrig geblieben sind einige Glanzstreifen des populären Films: Die beiden Zwischenkriegskomiker Stan Laurel und Oliver Hardy blödeln auch heute noch hin und wieder durch die Programmkinos, und auch Meisterschauspieler Charlie Chaplin rettete viele seiner großen Filme über den Bruch hinweg, einige davon durch nachträgliche Vertonung. Was von der Zeit des frühen Films übrig blieb, ist in eine Reihe von Filmarchiven und Programmkinos gewandert.

Aber die Zeit, in der Filme keinen Ton hatten, war alles andere als stumm. Es gab Musik. Live-Musik, meistens von einem mehr oder weniger verstimmten Klavier im Kinosaal. Wo Worte fehlten, sollte das Klavier die Emotionen und Stimmungen des Films erfassen, verständlich machen oder verstärken. Die Stummfilmbegleitung von damals wurden folgendermaßen praktiziert: Schimmelbücher mit Melodien zu bestimmten Gefühlen und Handlungsabläufen lagen bereit, und wer Motive wie „Trauer“ oder „Pferdegetrappel“ nicht im Kopf hatte, schlug schnell nach. „Über diese Themen wurde dann je nach Talent des Musikers mehr oder weniger gefühlvoll improvisiert“, erzählt Georg Kügler, der Besitzer, Cafetier, Kinokassier und Kinovorführer des Linzer „Cinematograph“. Georg Kügler ist einer jener wenigen, die die alten Juwele der Stummfilmzeit noch herzeigen: 1991 hat er das kleine Haus an der Donau erworben und nach einer Totalrenovierung ein „Kino wie damals“ (zwei Kohlebogenlampen-Projektoren von 1947) und ein „Café wie damals“ (Türen vor 1830, Sessel aus 1920) eröffnet.

Als die Musikerin Karen Schlimp voriges Jahre nach Linz übersiedelte, fiel ihr im Cinematograph sofort das Fehlen eines Klaviers auf. „Was ist ein Stummfilmkino ohne Klavier,“ sagte sie, und - trieb ein fast schon antikes Pianino mit Oberdämpfung auf: („Ein neueres Klavier hätte einfach nicht dazu gepasst“). Das Projekt Stummfilmbegleitung war geboren.

Die Begleitmusik der 20er-Jahre nostalgisch wieder aufleben zu lassen, ist jedoch nicht nach ihrem Geschmack: „Ich lebe im 21. Jahrhundert, also bewege ich mich in Klangmöglichkeiten und der Improvisationstradition der Gegenwart“. So entwickelt sie zu jedem Film jene Musik, die für sie aus der heutigen Sicht zum Film passt. Hinzu kommt, dass sich Karen Schlimp immer Partner sucht: „Es ist für die Zuhörer interessanter,“, sagt Karen Schlimp, „weil wir dadurch viel mehr Klangmöglichkeiten haben als nur mit dem Klavier, und zwei improvisierende Musiker inspirieren sich gegenseitig“.

Zweierlei Einflüsse haben Karen Schlimp zur Kinomusik gebracht: Zum einen charakterisiert die Verbindung von Musik mit anderen Medien ihre künstlerischen Projekte (z.B. Trilogie in Blau in der Verbindung von Klavier, Tanz und Malerei). Zum anderen ist sie inspiriert von der lebendigen zeitgenössischen Stummfilm-Begleitszene in Deutschland, die sie während ihrer Improvisationsausbildung in Leipzig kennen gelernt hatte.

Die erste Saison mit neuer Improvisation zu alten Filmen im Cinematograph ging im März dieses Jahres zu Ende. Am Programm stand eine Serie früher Kurzfilme aus den Jahren 1904 bis 1912 (Klavier, Kontrabass, Steeldrum, japanische Koto und andere Klangerzeuger, gemeinsam mit Stefan Glaubitz), oben erwähnte Stadt ohne Juden (1924; R: Karl Breslauer; Klezmervariationen auf Klavier, Kontrabass und Melodika, ebenfalls gemeinsam mit Stefan Glaubitz), Go West des amerikanischen Meisterkomikers Buster Keaton aus dem Jahr 1925 (Klarinette, Banjo, Klavier zusammen mit Kurt Edlmeier), eine Kurzfilmserie von Buster Keaton (am Klavier: Stefan Foidl) und Kohlhiesls Töchter (1920) von Ernst Lubitsch, dem frühen Meister der liebevollen Gemeinheiten (Cello- und Klavierbegleitung gemeinsam mit Magdalena König).

Karen Schlimp mit Irene Kepl
Karen Schlimp; der Blick nach oben ist übrigens der Blick auf den Spiegel, um den Film zu sehen!
Karen Schlimp; links oben übrigens der Spiegel, um beim Spielen den Film zu sehen